“Alpha-Mädchen”, die aktuelle Titelgeschichte im Spiegel (Nr. 24, 11.6.07), las ich erst Ende der Woche. Thema: Geschlechter, die erfolgreichen Mädchen, die zunehmend erfolgreichen Frauen - ganz klar: Erfolg istgleich Karriere. Karriere macht mann/frau im Beruf. Gerne. Wie? Clara Streit - 39 Jahre alt und McKinsey Seniorpartnerin - sagt sich: “Es geht darum, einen Plan zu haben. Um diese trockene Erkenntnis von Clara Streit kommt man wohl nicht herum, wenn man mit Anfang dreißig schon so viel Berufserfahrung haben möchte, um sich dann ein ruhiges Babyjahr zu gönnen, ohne gleich vom Karrierekarussell geschleudert zu werden.” (S. 64)

Aber Moment - die Zeit muss sein! - woher kommt für das Spiegel-Autorinnenteam das “ruhige Babyjahr”, mal eben im Nebensatz? Ist für Frauen - verglichen mit ihrem anstrengenden Berufsleben - die Zeit mit ihrem Baby zu Hause eine Erholung? “Ruhiges”, “Babyjahr” und “gönnen” habe ich schon lange nicht mehr zusammen gehört oder gelesen. Letztens noch war das erste Jahr mit einem Baby die weltanstrengendste Nervenanspannung, waren kleine Kinder die größten Energiesauger auch nach der Stillzeit. Im Vergleich dazu sein Beruf fast eine Kur, Erwerbstätigkeit eine Wellness-Oase. “Mein Mann hat auf der Arbeit schon genug Freizeit”, so die Bekannte einer Freundin. Da sind sie wieder: die scheinweisen Sophisten!

Die Zeiten werden sich ändern. “Meredith Haaf erzählt von jungen Männern, die sie kennt und die behaupten, sie würden es nicht einsehen, später das ganze Geld für die Familie verdienen zu müssen, sie wollten auch Zeit für ihre Kinder und eine Frau, die sich das mit ihnen teilt.” (S. 60). Und wenn es so kommt? Wenn mann auf sein Recht auf Leben pocht, Zeit mit den eigenen Kindern verbringen will? Wenn mann auf einmal nicht mehr tags und nachts zur Verfügung steht, willig, mobil, agil und allzeit bereit für den Ozean der Berufseitelkeiten? Wenn mann gerne eine Perspektive hätte und nicht nur eine Profession? Alles Spekulation, aber vielleicht… ? Wenn ich so an die Jahrgänge ab 1980 denke - und wäre nicht überrascht - “Wir nennen es Familienarbeit”.

Auch der “Girls´s Day” wird weiter erfolgreich sein - vielleicht richtig großartig - technikbegeisterte Mädchen studieren Ingenieurwissenschaften, Jungs vergessen den Maschinenbau und entdecken die “Soft Skills” für sich - denn schliesslich ist das 21. Jahrhundert verliebt in Kommunikationstalent; und gerne wird abstrahiert von Protokollebene und Produktionprozessen im Nanobereich. Im Jahr 2015 dann wird sich frau befreien müssen aus der Mühle der entfremdenden, sinnfreien Abläufe im Karrierestollen und ab 2025 haben Männer und Frauen vielleicht sogar schon fast die gleiche Lebenserwartung.

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3 Antworten zu “Wider die Gendersophisterei”
  1. Daktari sagt:

    Glück ist Erfolg!

  2.   Gendersophisterei von glück auf! - andreas sein weblog sagt:

    […] Wider derselben. […]

  3. Clemens sagt:

    Gender Mainstreaming:

    Gestern hatte ich (23) noch ein Gespräch mit Julia (17). Ich sagte “Gender Mainstreaming”. Sie sagte “Gender was?” “Mann und Frau - Gleichberechtigung”, sagte ich. “Achso”, sagte Sie - “ja und?”

    Kein Problem meiner Generation … Artikelschreiber und Interviewte, alle noch nicht in der Zeit des 21. Jahrhunderts angekommen. Ich freue mich, wenn Julia endlich Diplomatin ist und heute 17-jährige Männer und Frauen morgen Spiegelredakteure sind.

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